Tagebuch – April 7 Mai 2019

Freitag, 10. Mai 2019

Rocheturm kleinDiese Nacht habe ich vom Roche-Turm geträumt. Vielmehr: von meiner Schwiegermama (93). Ich weiss nicht, wie sie auf die Idee kam. Sie hat eines der schräg gestuften Stockwerke des Turm verschoben. Schräg nach rechts gerückt. Wie bei einem Lego-Bau. Es ging ganz leicht. Sobald sie herausgefunden hatte, dass ihr das Spiel gefiel, ging es ganz leicht, mal rechts, mal links.Einige waren, als sie es sahen, empört. Andere fanden es hübsch und sagten, dass es dem Turm nicht schaden könne. Das halbe Altersheim nahm daran teil.

Ich überlegte, dass man ein Projekt daraus machen könnte. Ein Startup. Omas als Etagenrücker. Das wird der Hit. Selbst unser Bankerfreund wird das unterstützen müssen. Ich erwachte mit einem Glücksgefühl.

Mittwoch, 1. Mai 2019

Cuvée d' Or. – Nun hab ich also auch noch den Spitteler-Nobelpreis-Jubiläumswein (weiss und rot) genossen und mir danach die ersten zehn oder zwölf Seiten des Olympischen Frühlings nochmals laut und deutlich vorgelesen. Und ich kann, nach einem temporären Zwischenhoch, nicht anders, als erneut meiner Fassungslosigkeit Ausdruck zu verleihen über die verdrechselte Hoprigkeit ganzer Verspassagen, wie man sie keinem Ungefeierten durchgehen liesse. Trivialer und in Spitteler/Tandems Worten ausgedrückt: "Der König aber zog die Stirn in ernste Falten". Ich zitiere, frisch ab Fraktur:

Noch während er das sagte, schwirrt – ein endlos Heer –
Das Ungeflügel schreiend durch die Luft daher:
Wildgänse, Löffler, schmutzige Reigel und Harpyen,
Die ihren bissigen Unrat nach den Göttern spieen.
Dem guten Beispiel kamen Krähen nach und Dohlen,
An Elstern fehlt es nicht, die schimpften unverhohlen.

Ein paar Stunden vor der Inhalation obiger Verse habe ich die Gottfried Keller-Ausstellung im Zürcher Strauhof besucht und mich einmal mehr an der beglückend schnörkellosen Ausdrucksweise Kellers erfreut. Am Märchen zum Beispiel, das Frau Marie Salander ihren Kindern erzählt, wenn der letzte Rappen aus dem Haus ist und nur noch ein Regenbogen zum Beschauen bleibt.

 

Montag, 15. April 2019

Schon wieder. – Es ist so weit. Vollkommene Abbitte leiste ich. Ich sehe, ich gestehe ein: Ich hab ihm völlig unrecht getan. Das ist ein Täter, ein Tyrann im Wort, der sich sein Tun durch keinen Tadel, durch kein Lob vermiesen lässt. Gerade der Zwang des Metrums (da-däm-da-däm-da-däm), das Kindische des Paarreims sind es vielleicht, die ihn zu den verrücktesten Kapriolen anstacheln – und diese ihm überhaupt erlauben. Zum Heulen manchmal, zum Totlachen ein anderes Mal. "Jeder Bewegungszug ein schweigender Gesang". Eine Klistierspritze jedenfalls gegen die Darmverstopfungen durch die heutigen Roman - und Sachbuchwälzer.

Aus Spitteler/Tandems Verbarium (beliebig zu verlängern):

dummdicke Welt
Teufelsdaimonsweibesbosheit demutköniglich
Sommervögeldörfer Ratsherrnschwatzgeplapper zehenzappelnd
Menschenkörperfall Daimonsmarterschuhzeug hügelkranzumkettet
Wasserdonnertanz Strahlenschimmertanz siegessonnenlichtdurchglänzt
Faustgefährlichkeiten Volkszusammenlaufes Füßescharren   donnerlämrumtäubt
Stimmenlärmgeräusche 
der schwarzen Wahrheit augenloses Mörderhaupt verzweilfungsnachtdurchgraust

Freitag, 12. April 2019

Tandem Spitteler. – Es könnte ja, vielleicht am Schluss geschehn, dass ich mein Urteil revidieren muss. All diese skurrilen Bilder, vorgetragen in erbarmungslos alternierendem Versmass – sie schiessen zu einem Panoptikum zusammen, das, wenn man lange genug darin herumstolpert, seinen eigenen Sog zu entfalten beginnt. Bis man wieder auf eine jener Banalitäten stösst, die, zu hohem Stil emporgedrechselt, heiss-schwüle Luft ausdünsten.

 

Donnerstag, 11. April 2019

Warum bloss erinnern mich solche Tandem-Spitteler-Verse immer mal wieder an Wilhelm Busch?

Da schürzte Hades seinen Mantel: „Also ich!"
Und selber in den Kerker nun begab er sich.

Danach gerieten sie auf eine Alpenweide,
Mit kurzen Gras gepolstert und geringer Heide.
Kein Baum in Sicht, kein Busch noch  Bächlein im Bereich.
Soweit das Auge schweifte, alles glatt und gleich.

 

Mittwoch, 10. April 2019

stoerche

 

Von den vielen Küssen schwand ihr Atem,
Und errötend bog sie weg das Antlitz.

(Felix Tandem: Extramundana. Kosmische Dichtungen. 1883)