Aufsätze

Gottfried Keller: Regenliedchen für Line

Ein Freundschaftsbrief

In einem vielzitierten Brief vom 16. Dezember 1872 schildert Gott­fried Keller seiner Wiener Freundin Marie Exner die Exzesse einer mit seinem Freund Karl Dilthey durchzechten Nacht, um mehr oder weniger unver­mittelt daran anzuschliessen:

Wenn Sie etwa Herrn Semper sehen, so bitte ich ihn zu grüssen. Das gute arme Mädchen Lina in der "Bollerei" schreibe ihm eine Schachtel mit Hand­schuhen zu, die sie anonym durch die Post erhalten habe, und möchte ihm gern dafür danken. Es sei immer noch ein braves, liebenswürdiges Kind, das des Nachts wegen des wiedergekehrten Hustens nicht mehr schlafen könne und sich doch den ganzen Tag durch plage und dabei blass und mager ge­worden sei. Ich schenke ihr zuweilen auch was, da sie keine Eltern mehr hat, al­lein in der Fremde sein muss und kaum alt wird. Neulich kaufte ich ihr ein Ringlein, das sie mit einem von Semper geschenkten am kleinen Finger trägt, so dass sie beide Narren schön vereinigt mit sich führt. Sagen Sie das aber Semper nur, wenn er guter Laune ist, sonst wird er wütend.[1]

Ein "artiges Reflexchen ihrer harmonischen Wirtshaushockerei" nennt Erwin Ackerknecht die Episode[2], und selbst Eduard Kranner, der keine Mühe scheut, in jedem Wort Kellers geheimer Liebe zu Ma­rie Exner nachzuspüren, sieht hier nur Äusserungen "nebenbei über verschiedene nichtssagende Dinge".[3] Erstaunlich, dass dem "armen Mädchen Lina", dem Keller eine so novellenträchtige Ge­schichte zu­dichtet, in der Literaturwissenschaft keine weitere Be­achtung ge­schenkt worden ist.

Doch der Kreis der von Keller (vergeblich umworbenen) Frauen scheint – seit langem – gerundet: Luise Rieter, die Winter­thu­rerin, um die Keller 1847 vergeblich warb; Johanna Kapp, die Hofratstochter im "Waldhorn" zu Heidelberg (wo Keller 1849 ver­kehr­te), heimliche Ge­liebte von Ludwig Feuerbach; Betty Tendering, die Berliner Be­kanntschaft (1854/55) aus dem Hause Duncker; Louise Scheidegger, Arzttochter, aufgewachsen bei einer reichen Kauf­manns­familie in Herzogenbuchsee, 1866 für ein paar Monate mit Keller verlobt.

Mit dem Selbstmord Louise Scheideggers im Juli 1866, an dem der öffentlich ange­fehdete Lebenswandel Kellers schuld gewesen sein soll, schien bislang das Kapitel Frauen für Keller abgeschlossen zu sein. In Frage stand höchstens noch die für Kellers Verhält­nisse fast überschwenglich anmutende Freundschaft zu Marie Exner (1844-1925), die Keller seit ihrem Aufenthalt in Zürich 1872 kannte und die sich im November 1874 mit Anton Frisch verheira­tete.

Was aber hat es mit jenem Mädchen Lina auf sich, das so arm, kränklich und bemitleidenswert erscheint, dass es von zwei alten "Narren" mit so sinnträchtigen Geschenken wie Handschuh und Ring versehen wird? Einige biographische Daten sind eruierbar:[4]

1851 in Heilbronn geboren und aufgewachsen, war Lina – nach dem Tod ihrer Mutter – mit dem Vater, dem Sattler Johannes Weissert, 1864 nach Zürich gekommen. Als er bald darauf starb (Todesdatum nicht nachgewiesen), wurde sie zur Vollwaise und musste sich, ein­zig auf sich selbst gestellt, mit verschiedenen Beschäftigungen durchbringen. Am 14. März 1866 zog sie bei dem Speisewirt David Vontobel an der Schifflände 26, in dessen beliebtem Studenten­lokal, ein und lebte dort bis 9. Februar 1874. In dieser Zeit liess sich Keller offenbar gerne von ihr im Café Vontobel-Boller bedienen, und dies jedenfalls schon während seines Zusammenseins mit dem Architekten Gottfried Semper vor dessen Ruf nach Wien von 1871.

Ein Gelegenheitsgedicht

Im Zusammenhang mit den Vorarbeiten für eine historisch-kritische Keller-Ausgabe sind im Nachlass des Dichters auf der Zentral­bibliothek Zürich drei Dokumente zum Vorschein gekommen, welche der zitierten humoristischen Briefepisode und der darin genannten Person ein neues Gewicht verleihen. Bei dem ersten Dokument han­delt es sich um ein Gedicht von Kellers Hand, das explizit auf reale Vorkommnisse verweist und ohne diese auch gar nicht ver­ständlich ist:


       
Regenliedchen für Line

Für manchen Becher, den Du ihm
Mit Freundlichkeit gebracht,
Hat jetzt ein guter alter Freund
Still sinnend Dein gedacht:

Jetzt sitzt Sie in dem Regengrau,
Das fern den Berg verhüllt;
Es bleibt ihr Wunsch nach Sonnenschein
Und Lenzluft ungestillt.

Doch bleib' nur ruhig, gold'nes Kind,
Und lach' den Regen an
Mit deinem Aug' voll Sonnenschein,
Den bösen Wassermann!

Und dankbar aus den Wolken bringt
Er dir Genesung her;
Dann rauscht er fort – und diese Schnur
Holt er Dir aus dem Meer!

Ein Zeichen, wie er sehr sich schämt,
Sei dir das tiefe Roth!
Ach Gott! wie rauscht und plätschert er,
Bald weint er sich zu todt!

Blick' ihn nur an, so muss entsteh'n
Des Regenbogens Pracht,
Dann hat dein sonnig' Augenlicht
Den Regen weggelacht.

Die Realien erschliessen sich anhand einer am untern Blattrand mit Bleistift beigefügten Notiz von fremder bzw. Linas Hand:

Beiliegend: eine Korallenschnur, annonym an mich gesandt
                      im Juni 1872
                      in's Nidelbad.

Das Nidelbad ist eine oberhalb der Zürcher Gemeinde Rüschlikon liegende "ländliche Kur-Anstalt mit erdig-alkalischer Stahlquelle, schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gegen Wechselfie­ber mit Erfolg angewendet. <...> Bewirthschaftung seit 2 Jahren sehr gut, die Badeeinrichungen sind bedeutend vervollkommnet, und es ist für Comfort gesorgt, den Fremde beanspruchen. – Als Kur- und Pensionshaus seiner gesunden Lage wegen zu empfehlen."[5]

Die kränkliche Lina scheint also im Juni 1872 während eines Kur­aufenthaltes in dieser Anstalt von Keller das Gedicht – zusam­men mit einer Korallenschnur – erhalten zu haben: anonym, wie (davor oder danach) die Handschuhe von Semper. Korallenschnüre ha­ben im deutschen Aberglauben eine dem Ringlein vergleichbare Funk­tion: "Der Koralle schreibt das Volk ganz allgemein unheilabweh­rende Schutzkraft zu. <...> Die Braut trägt Korallenschnüre."[6] Auch der Wassermann ist eine im deutschen Aberglauben beheimatete Fi­gur: Er ist in der Regel klein wie ein Zwerg, sieht alt aus und trägt einen langen, krausen Bart[7].

Ein "guter alter Freund" gedenkt eines Du und erteilt diesem, dem "Kind", Ratschläge, wie es sich dem "bösen Wassermann" ge­genüber wehren kann, der Regen statt Sonnenschein bringt. Späte­stens mit der 4. Strophe wird aber die Konstellation mehrdeuti­ger; der Gedankenstrich markiert einen Umschlag: "und diese Schnur / Holt er dir aus dem Meer". Die Korallenschnur, die der Wassermann holen soll, ist bereits da: als realer Gegenstand. Ge­holt und geschickt hat sie eben der Freund, der damit an die Stelle des Wassermannes gerückt ist. Freund-Wassermann ist es nun selbst, welcher des Trostes durch das lachende Auge bedürftig scheint. Das Regenlied­chen für Line ist zum Bittliedchen für den Freund, zum Liebeslied­chen geworden. Dass zusammen mit dem Regen allerdings auch Freund- Wassermann weggelacht wird und letztlich nur Regenbogen und Korallen­­kette übrig bleiben, zählt zu den verschwiegenen Folgen der be­schwo­renen Metaphorik.

Ein Heiratsantrag

Was im Gedicht noch vom Schein des Scherzes lebte, wird einige Mo­nate darauf trauriger Ernst. Der 53jährige Staatsschreiber Gott­fried Keller hat der 22jährigen Kellnerin am 10. April 1873, Don­nerstag vor Karfreitag, einen förmlichen Heiratsantrag gesandt. Dieser ist zwar nicht mehr vorhanden: die Empfängerin hat ihn vermutlich mit der Antwort zurückgeschickt, Keller ihn mit ziemlicher Sicher­heit vernichtet. Erhalten ist aber eine Abschrift mit Bleistift auf der ersten Seite eines weissen Doppelblattes, die sich Lina Weissert selbst davon angefertigt haben muss[8]:

L L.

Sie haben Gestern Abend wahrscheinlich gemerkt, wo ich hinaus wollte mit meiner ungeschickten Ankündigung. Ohne viele Worte zu machen, will ich Sie daher jetzt fragen, ob Sie nicht zu viel Widerwillen haben, meine Frau zu werden? Wenn Sie mich nicht mögen, so wissen Sie es jetzt schon u. ich bitte Sie in diesem Falle mir dieses Briefchen mit einem darüber od. darun­ter geschrieben Nein heute Abend noch zurückzustellen, damit wir dann über die Sachen lachen können wenn ich zurückkomme. Glauben Sie aber mit mir le­ben zu können u. wollen sie sich die Sache überlegen so können sie mir das an diesem Abende so zu verstehen geben, wie es Ihnen gefällt u gut scheint. Vielleicht könnten Sie mir über die Ostertage Gelegenheit geben mich näher auszusprechen u. vielleicht würde J. N.[9] Ihnen hiebei mit Ihrem Rath zu Seite sein da Sie sonst Niemand haben. Alle weitern bei solchen Anlässe üb­liche Redens Arten, will ich jetzt unterlassen einzig will ich Ihnen sa­gen, dass es mich sehr glüklich machen würde für Sie sorgen u leben zu dür­fen.   Ihr Erg  G K

Notat auf der letzten Seite des Doppelblattes:

Vielleicht steht dieses auch in irgend 1 Brifstll für Heirats Atg, ich habe es aber nicht aus 1 solchen abgeschrieben. -

Auffallend ist die Parallele zum bisher einzigen bekanntgewordenen direkten Lie­besgeständnis Gottfried Kellers – dem Brief an Luise Rieter von 16. Oktober 1847: 

Erschrecken Sie nicht, dass ich Ihnen einen Brief schreibe und sogar einen Liebesbrief <...>. Ich bin noch gar nichts und muss erst wer­den, was ich werden will und bin dazu ein unansehlicher armer Bursche, also habe ich keine Berechtigung, mein Herz einer so schönen und ausge­zeichneten jungen Dame anzutragen, wie Sie sind <...> Wollen Sie so gütig sein und mir mit zwei Worten, ehe Sie verreisen, in einem Billet sagen, ob Sie mir gut sind oder nicht? Nur damit ich etwas weiss; aber um Gotteswillen bedenken Sie sich nicht etwa, ob Sie es vielleicht werden könnten? Nein, wenn Sie mich nicht schon entschieden lieben, so sprechen Sie nur ein ganz fröhliches Nein aus und machen Sie sich herzlich lustig über mich; denn Ihnen nehme ich nichts übel und es ist keine Schande für mich, dass ich Sie liebe, wie ich es thue. <...> Ich bin sehr gespannt auf Ihre Antwort, ich müsste mich sehr über mich selbst verwundern, wenn ich über Nacht zu einer so holdseli­gen Geliebten gelangen würde. Aber geniren Sie sich ja nicht, mir ein recht rundes, grobes Nein in den Briefeinwurf zu thun, wenn Sie nichts für mich sein können, denn ich will mir nachher schon aus der Pat­sche helfen. <...> Wollen Sie also die Güte haben, ein Zettelchen mit zwei Worten in den Briefeinwurf zu thun und das so bald als möglich; denn, wie gesagt, ohne sich im mindesten zu bedenken wenn Sie ungewiss zu sein glau­ben, das Zukünftige wird sich dann schon geben.
(Zentralbibliothek Zürich: Ms GK 77.33)               

Hier wie dort ein Beginnen, das von vornherein auf ein Misslingen hin anlegt ist, hier wie dort das Angebot, das Ansinnen des Bewer­bers mit Lachen zurückzuweisen. Nur: die zeitliche Differenz hat sich mit eingeschrieben. Ein Haupteinwand – es noch zu nichts ge­bracht zu haben – entfällt 1773. Es wird auch weniger um Liebe geworben als Fürsorge angeboten und weniger Gegenliebe gefordert als Sympathie erwartet: als ob die durch das Ungeschick frü­hern Werbens entstandene Schuldigkeit sich in späterm Sorgen abtragen liesse. Zugleich wird – und insgeheim entschieden – das Angebot zurückgenommen: der Umworbenen wird das Nein – als leichteste Mög­lichkeit – geradezu suggeriert, und das Lachen nach nichtvoll­brachter Tat erscheint als die Erlösung, bei der sich gemeinsam aufatmen liesse.

 Lina liess es nicht bei dem einfachen Nein bewenden, son­dern legte der Rücksendung vermutlich das kurze Schreiben bei, welches sich – als Entwurf oder Kopie von ihrer Hand – auf dem Formular einer Menukarte, deren oberer Teil abgerissen ist, erhalten hat. (Die Ausdrücke in Spitzklammern wurden von der Schreiberin nachträglich eingefügt).

                   G. H. S.  (= vermutlich: Geehrter Herr Staatsschreiber)

Ich kann nicht umhin Ihrem geschätzten Schreiben Einige Worte beizufügen. Genehmigen Sie vor allem meinen besten herzlichsten Dank, für Ihre überaus liebevolle Ansicht, die ebenso unerwartet, als unverhofft an mich gelangte. Der gestrige Abend war wohl derart mich verstehen zu lassen, was Sie mir hier mittheilen u. ich verhehle Ihnen keinen Augenblick, dass mich diese Nachricht <dennoch> ungemein überraschen musste. Allein Sie wissen ja wohl, dass in solchen Angelegenheiten nicht allein der Verstand sondern haupt­sächlich das Herz reden soll u. daher zögre nicht länger mit der Antwort wenn Ihnen sage, dass ich auf Ihren wenn auch noch so edeldenckenden Antrag <nicht> eingehen kann. Genehmigen Sie die Versicherung

                     Meines herzlichsten Dankes
                     von Ihrer ergebenen
                                   L. W.

Nachspiel:

Der Antwortbrief von Lina ist von so bestürzend abweisender Forma­lität und sowenig zum Lachen geeignet, dass für Keller wohl nur noch eine abschliessende Anekdote – und das Vergessen – übrig­blieb. Am 17.8.1873 schrieb er an die in den Ferien weilende Sängerin Emilie Heim in hu­moristisch-alter­tümeln­der Weise (mit fingiertem Datum 1773) über die neuesten Geschehnisse in seiner Heimatstadt:

Hier giebt es nicht viel Neues, wenngleich in der moralischen Welt allerlei feinere Ereignisse, wie es in der Natur der Dinge lieget, unmerklich vor sich gehen. So soll das Freundschaftsverhältniss inzwischent dem Herrn Pro­fessor Dilthey und der Steinheilinn sich zerschlagen haben und hatt' ich mir doch so viel schönes von dieser Verbindung versprochen. Mir selber hat Gott Amohr wegen eines kleinen Schwabenmädgens noch einen späten Pfeil nachsenden wollen, so dass ich höchlich erschrocken mit dem Bein denselben hab' abwehren müssen, wobei aber, da ich indessen auf dem andern Bein al­lein dastund, beinahe die Balance verloren hätte.
(Zentralbibliothek Zürich: Ms GK 78s40)

Mit Ausnahme des Exner-Briefes scheint dies die einzige erhaltene Äusserung Kellers über die Lina-Episode zu sein – ausgerechnet für das Ohr ("Amohr") der von Keller nicht allzusehr geschätzten, aber immerhin mit den Exner befreundeten Emilie Heim bestimmt. Sie bannt das eigene Erleben vor dem lachenden Auge in ein Miniatur-Standbild (ähnlich den Amor-Bildnissen von Joles Vater in der Vitalis-Legende) und formuliert das Bedauern durchs Schicksal des Andern (Dilthey).

Es ist indes sehr wohl denkbar, dass Keller sich auch gegenüber den Geschwistern Exner weiter über die Angelegenheit geäussert hat. Entgegen all seinen bisherigen Gewohnheiten verbrachte er Mitte September 1873 fast 2 Ferienwochen zusammen mit Exners am Mondsee. Erstaunlicherweise fehlen gerade jene Briefe (zwischen 22.5. und 10.9.1873), welche die Verabredung zu diesem Treffen zum Inhalt haben mussten. Naheliegend, dass in ebendiesen Dokumen­ten von der Lina-Episode die Rede war, von einer Sache also, die es später zu vertuschen galt. Möglich sogar, dass dieses Erleb­nis mithalf, den sonst so sesshaften Autor eine so beschwerliche Ferienreise auf sich nehmen zu lassen.

Was Keller offenbar nicht wusste, war der Umstand, dass Lina mit grösster Wahrscheinlichkeit schon zur Zeit seines Heiratsantrags einem andern Mann verbunden war, mit dem sie sich auch im Herbst des gleichen Jahres verlobte (die Konkurrenz war also durchaus vorhanden, auch wenn sie nicht Semper hiess) und der viel­leicht die entschiedene Formulierung des Absagebriefes mitverantwortete. Es handelt sich um niemand anderen als den Juri­sten Eugen Huber, den später berühmt gewordenen Autor des Schwei­zerischen Zivil­gesetz­buches. Huber, 1849 in Stammheim geboren (also 30 Jahre jünger als Keller), betätigte sich, nach einem fehlgeschlagenen Versuch als Privatdozent im Wintersemester 1872/73 an der Univer­si­tät Zürich, als Hilfsredak­tor bei der NZZ, arbeitete 1874/75 als Korrespondent in der Bun­desstadt Bern und wurde Anfang 1876 zum Chef­redaktor der NZZ er­nannt. Diese Stelle gab er im Frühjahr 1877 infolge politischer Meinungsverschieden­heiten mit der liberalen Par­­tei auf, worauf er eine Verhörrichter- und Polizei­direktoren­stelle in Trogen übernahm.

Huber soll es seiner Verlobten ermöglicht haben, sich drei Jahre lang vor allem in französischer und englischer Sprache in Genf auszubilden (am 20. Februar 1874 liess sie sich dort im Register der Aufenthaltsbewilligungen eintragen). Am 18. April 1876 fand die Hochzeit zwischen dem "rédacteur de la Nouvelle Gazette de Zurich" und Lina Weissert, "sans profession", statt.[10] Das magere, bleiche Mädchen wurde zur Juristengattin, die ihrem Mann "eine treue Mitarbeiterin bei seinem Lebenswerk" geworden sein soll und später in Bern "den hohen Anforderungen, die Huber an die Gast­freiheit seines Hauses stellte, ... stets zu genügen"[11] wusste, bis sie am 4. April 1910 verstarb.

Die drei genannten Dokumente sind durch das Vermächtnis von Eugen Huber an die Zentral­bibliothek Zürich gelangt, mit der Auflage, sie vor dem 23. April 1953 (Hubers 30. Todestag) nicht zu publi­zieren (Sigle: Ms GK 8a.16).

Ein literarischer Niederschlag?

 Seit dem Erscheinen der "Züricher Novellen" (1877) hat man immer wieder versucht, die fünf Geliebten des Landvogts von Greifensee an Kellers Biographie festzumachen. Am wenigsten wusste man bisher mit Wendelgard, dem "Kapitän", anzufangen. Mit der Lina-Episode sind nun plötzlich jene Elemente gegeben, welche es nahelegen, auch in der Wendelgard-Erzählung den Stoff von gelebtem und nicht gelebtem realem Leben poetisch geformt wiederzufinden.

 Salomon lebt nach der Figura-Geschichte "sieben volle Jahre dahin, ohne sich weiter um die Frauenzimmer zu kümmern" – gleichviel Zeit verstrich zwischen der Verlobung mit Luise Scheidegger (Frühling 1866) und dem Heiratsantrag an Lina Weissert (April 1873). Wendel­gard ist "mütterlich verwaist" und verschuldet, während sich Salo­mon Landolt glücklich schätzt, inkognito für ihre Schulden aufkom­men zu können (vgl. Kellers anonyme Zustellungen) und ein Geständ­nis formuliert, wie es Keller real kaum so über seine Lippen ge­bracht hat, aber wie es durchaus den Motiven seines Tuns entspro­chen haben dürfte.

Ja, er ging in seiner rückhaltlosen Offenheit so weit, ihr auseinander zu setzen, wie sie ihm durch Erwiderung und Gewährung ihrer Hand eine ungleich grössere Hülfe erweisen und ihn veranlassen würde, ein etwas unstätes und planloses Leben endlich zusammenzuraffen und für Liebe und Schönheit das zu thun, was er für sich selbst nicht habe thun mögen.[12]

Wen­delgard zieht – zur Pfingstzeit, mit siebentägiger Bedenkfrist – ins Bad nach Baden (Nidelbad), wo sie sich schliesslich durch Salomons alte Freundin Figura Leu (J. N.) einen Absagebrief dik­tieren (!) lässt, dessen Ton allerdings bedeutend milder, wenn auch nicht weniger entschieden ausfällt als Linas Antwort:

Nach reiflicher Prüfung finde ich, dass es nur Gefühle der Dankbarkeit sind, die mich für Sie beseelen, und dass es Lüge wäre, wenn ich sie anders benennen wollte. Da überdem der Wille meines Vaters mir eine andere Lebens­bahn anweist, so bitte ich Sie, meinen festen Entschluss, ihm zu gehorchen, als ein Zeichen des Vertrauens und der achtungsvollen Aufrichtigkeit ehren zu wollen, die Ihnen stets bewahren wird Ihre ergebene u. s. w.[13]

Wenn sich Wendelgard schliesslich mit Salomons Freund verheiratet und mit diesem für zwei Jahre nach Paris zieht, von wo sie als "ganz ordentlich geschulte und gewitzigte Dame" zurückkehrt, so scheint darin – wenige Jahre vor der aussichtslos endenden Regine-Novelle im "Sinngedicht" – auch Linas Genfer Ausbildung und Ver­hei­ra­tung noch ihre versöhnli­che literarische Parallele zu erhalten.

(publiziert: NZZ, Nr. 100, 30.4.1994)


[1]      Aus Gottfried Kellers glücklicher Zeit. Der Dichter im Briefwechsel mit Marie und Adolf Exner. Wien o. J. S.14

[2]      Erwin Ackerknecht: Gottfried Keller. Geschichte seines Lebens. 4., von Carl Helbling hrsg. Aufl., Konstanz 1961, S.194

[3]      Eduard Kranner: Gottfried Keller und die Geschwister Exner. Basel, Stuttgart 1960. S.69

[4]      Diese Informationen verdanke ich v.a. den Nachforschungen von Robert Dünki, Stadtarchiv Zürich

[5]      Zürich und seine Umgebungen. Ein Führer für Einheimische und Fremde. Nach den neuesten Quellen bearbeitet. Zürich: Cäsar Schmidt (1875). S.75

[6]      Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, hrsg. v. Hanns Bächtold Stäubli. Photomechanischer Nachdruck, Berlin 1986. Bd.5. S.239

[7]      ebd., Bd.9, s.128

[8]      Erhalten ist auch der von Keller verwendete Briefumschlag mit Anschrift, blauem Siegel und dem Züricher Poststempel vom 10. April 1873.

[9]      Lesung der Initialen unsicher (ev. auch "T. V.")

[10]      Diese Informationen verdanke ich den Nachforschungen von Dominik Müller, Genf.

[11]      Max Rümelin: Eugen Huber. Rede gehalten bei der akademischen Preisverteilung am 6. November 1923. Tübingen 1923.

[12]      Gottfried Keller's Gesammelte Werke, Berlin 1889, Sechster Band. S.198

[13]      ebd., S.204