Journal Januar 2019

Dienstag, 22. Januar 2019

Die Hautarbeit der Raeber-Edition besteht gegenwärtig im Korrigieren der diplomatischen Umschriften, obwohl diese wohl nie mehr als selektiv studiert werden. Die Editoren als die wahren Diener im Herrn.

Editoren-Glück: Zuerst freut man sich über einen grossen Variantenreichtum und ein Eldorado von Autorkorrekturen (Prototyp: C.F. Meyer; ähnlich bei Raeber). Mit der Zeit, wenn's kein Ende nehmen will, beginnt man sich zu ärgern über die "Pedanterien". Bis man sich, nach einigem Abstand, wieder zu ereifern vermag.

 

Sonntag, 20. Januar 2019

Update-Versuch. Die Technik spielt verrückt. Einstellungen verschoben, Schriftprobleme. Faszination und Elend der Technik. Letzteres bricht immer mal wieder wie eine Naturkatastrophe über uns herein. Eine baldige Lösung hab ich mir selber versprochen.

 

Freitag, 18. Januar 2019

Schachtel 42. – Auf der Kriechspur namens Schachtel 42. Das ist die Hausnummer für die Ortskundigen. Offizielle Anschrift: SLA-Raeber-A-5-h/03. Inhalt: Gedicht-Manuskripte auf A4-Blättern, entstanden zwischen August 1979 und März 1983. 121 Dossiers zu 121 Gedichten mit insgesamt 364 Fassungen. — Gestern vor Torschluss angelangt bei Dossier 93 (A-5-h/03_093), Blatt 1, konkret: Manuskriptfassung A des zehnten Gedichts von Raebers Rom-Zyklus. Untertitel: Via appia.

Erster Akt: die diplomatische Umschrift kontrollieren, Streichungen und Einfügungen (blau).

screen Rom X

Die Ziffer XI: vom Autor zu X korrigiert, weil zuvor ein Gedicht des Zyklus gestrichen wurde. Finesse in der drittletzten Zeile. "Ungestillt" wurde zuerst – Raebersche Spezialität – auf zwei Zeilen verteilt: ("glitschig. Und unge- / stillt die / dürstenden Toten"); dann wurde die Trennung aufgehoben und das ganze Wort nach unten verschoben ("glitschig. Und immer / ungestillt die / dürstenden Toten.")

Tja, das müsste so erläutert und in Tausenden von Fällen durchexerziert werden, was leider (zum Glück) unmöglich ist. Also Beschränkung auf die "diplomatische" Dokumentation. Der Rest für Gott und den idealen Interpreten.

Zweiter Akt: Vergleich der diplomatischen Umschrift mit dem edierten Text. Wenn alles, was vom Autor gestrichen ist, vergessen wird, sollte (bei gutem Willen) ein Text übrig bleiben, der genau mit dem "edierten" Text (Lesetext) übereinstimmt:

Rom X

Das Grab
begraben unter
Gestrüpp der
Wagen ächzend die Brüste
rotes Versickern die Treppe
glitschig. Und immer
ungestillt die
dürstenden Toten.

Also: weiter zur nächsten Fassung (B) …

 

Donnerstag, 17. Januar 2019

Heute in der Post: EDITIO. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft. Seit Jahr und Tag (als Vereinsmitglied) subskribiert und seit Jahr und Tag ins Regal gestellt und nur sehr selektiv zur Kenntnis genommen. Immer weniger an legitimierende Theorien gebunden, praktiziere ich einfach, was ich für praktikabel halte. Je intensiver ich die editorischen Dinge betreibe, desto mehr Mühe habe ich mit allem, was nach Norm und Regel riecht.

 

Mittwoch, 16. Januar 2019

Dasselbe wie gestern, in Grün: "Beim Anzünden der Zigarette". Ein Du zündet einer Dame, die vor einer "achtlos" geöffneten Autotür zurückweicht, eine Zigarette an. Dann, unvermittelt, ein Du, das der Kaiser ist, und sich vom Abt eine "allein am Morgen Rose in der Vase" aufgegangene Rose zeigen lässt. Kann ich, muss ich das verstehen? Edieren, ja, muss ich, es wird ja irgendwo jemanden geben, der's versteht. Der die Mühen nachvollziehen will, die den Autor bis zur letztgefundenen Variante geplagt haben. Vielleicht kenn ich diesen Jemand, was mich glücklich machen wird. Vielleicht werde ich selber es sein, der irgendwann an irgendeiner Veranstaltung begeisternd die Metamorphosen des Lyrischen zelebrieren wird.

Daneben Gottfried Keller. Kontrastprogramm. Für eine extraordinäre kleine Gruppe von sechs Leuten (Künstler, Komponist, Literaturpromoterin, Musikwissenschaftlerin, Fotografin) ein kleines Potpourri von Kellergedichten zusammenstellen. In einem kleinen Broschürchen, original gebastelt mit dem Satzprogramm Indisign, dessen Rafinessen ich jedesmal aufs neue entdecken muss. "Die Aufgeregten" – Kellers eigenartigstes Gedicht mit den eigenartigsten Versen der Lyrik des 19. Jahrhunderts:

Und ein holder Schmetterling zerriß
Den azurnen Frack im Sturm der Mailüftchen!

Variantenfrei!

 

Dienstag, 15. Januar 2019

Gestern, das war das Gedicht, das hiess Die Sirenen. Man erinnert sich, von ferne, an jene Sirenen, die auf einer Homerischen Insel hausen und singen, so herzüberwältigend, dass die Schiffer Weib, Kind und Heimat vergessen und nichts als auf die Insel wollen, die doch schon mit gebleichten Gebeinen bedeckt ist. Doch Orpheus, der Götter-, Menschen-, Tiere-, Pflanzen- und Steine-Betörer soll den Schiffern ein noch schöneres Lied gesungen haben, als es die Sirenen singen, so dass die Argonauten glücklich davon kamen.

Das alles widerhallt im Sirenengesang meines Autors, dessen Korrekturen und Varianten ich bis zum Scheitern verfallen bin.

Heute aber, Dienstag, 15. Januar 2019, ist Die heilige Katharina an der Reihe, um die es nicht viel einfacher steht als um die Sirenen, so dass auch bei mir (ganz genau wie bei den durch die Müllabfuhr aufgeweckten Schläfern des Gedichts), sich "senkrecht auf der Stirn eine Falte des Ärgers" eingefunden hat.

 

Montag, 14. Januar 2019

Heute endlich bei J angelangt. Manuskript J. Genauer: "J (Andere Fassung)" – denn es gibt auch noch ein Manuskript "J", das nicht die "andere Fassung" ist. Obwohl eigentlich diese "andere Fassung" spätestens bei "H" beginnt. Das geht so: Nach dem Durchlaufen von "A", "B", "C", "D", "E" und "F" hat der Autor mit "G" die gültige Stufe erreicht. Das ist ein Typoskript wert: ein Abtippen mit Schreibmaschine, so mühsam es sein mag. Das war am 18. Oktober 1954, einem Montag wie heute.

Heute also bin ich bei Fassung "J (Andere Fassung)" angelangt. Das musste sein. Denn der Autor hat trotz erreichter Fassung "G" weitergemacht und fünf Tage später erneut abgetippt (mit zwei Fingern, stell ich mir vor). Und dann zum Bleistift gegriffen und das schöne Typoskript wieder zu schanden gemacht. Schuld daran muss des Autors Bruder gewesen sein. Nicht so viele Inversionen, hat dieser gestöhnt, und der Autor hat sich ans Beseitigen der Inversionen gemacht: Bleistiftschleifen, die als Girlanden die Wörter umschlingen und weiter nach vorn, weiter nach hinten versetzen. In ihre "natürliche Stellung" bringen. Exakt am 7. November.

Und am zwanzigsten geht das Spiel weiter – und am zweiundzwanzigsten nochmals. Damit sind wir endlich bei der berüchtigten Fassung "J (Andere Fassung)" angelangt. Gott sei Dank! Doch dann steigt es (stell ich mir vor) in dem Autor auf, würgt ihn aus tiefem Innern heraus, reisst und zwickt, lange wohl, so lang, bis er überzeugt ist, dass das Inversions-Verbot doch nicht das Gelbe vom Ei war (die holprigen Silben!), so dass er nun plötzlich mit dem Rückbau beginnt. Zurück nach G! Das gibt Druck für den Druck. Und so endet denn die ganze Geschichte irgendwann im Jahre 1957, in dem das Buch erscheint, in dem das Gedicht steht, in dem sich die Inversonen tummeln.

Das hat vielleicht amüsant getönt. Ist es aber nicht. Ist Not und Pein, auch für den Herausgeber. Verflucht dieser Autor mit seiner verqueren, sich selbst demolierenden Pedanterie!

 

 

 

 

 Ex libris …

 Einband GW klein

 schiffe klein