Ein Nachtrag zur Kleinen Schweizerkunde[1]
Es gibt den Schweizer Nationalhelden, den uns – in seiner gültigen Gestalt – der Schwabe Friedrich Schiller geschenkt hat. Der rebellische Schütze Tell war zwar 1291 bei der Gründung der Eidgenossenschaft auf dem Rütli nicht dabei, hat sogar durch voreiliges und selbstgerechtes Handeln das Bündnis in Gefahr gebracht; aber er hat – so wollen es wir Schweizer – seinem Knaben Walter mit der Armbrust den Apfel vom Haupt geschossen und in der Hohlen Gasse den Landvogt Geßler umgelegt. Dafür sind wir ihm noch heute dankbar und gedenken seiner am ersten August, dem Schweizer Nationalfeiertag, mit Stolz. Am stolzesten aber sind die Leute von Uri, die Tell als einen waschechten Urner betrachten und ihm drei Kapellen und ein monumentales Denkmal gewidmet haben. Das Denkmal (Vater mit Armbrust und Sohn, in Bronze gegossen), das jeder Schweizer Schüler kennt, steht seit 1985 auf dem Rathausplatz von Altdorf, dem Hauptort des Kantons Uri. Es stammt von dem Bildhauer Richard Kißling, der sich auf solche Dinge verstand und auch das Denkmal für Zürichs Eisenbahn-Baron und Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt, Alfred Escher, geschaffen und 1890 Gottfried Keller die Totenmaske abgenommen hat. Von Wilhelm Tell zu Alfred Escher und Gottfried Keller, der unter Eschers Herrschaft Staatsschreiber des Kantons Zürich war, ist der Bogen schon ganz gut gespannt. Und was der Dichter Gottfried Keller zu des Tellen Schüssen meinte, ist seit seinen ersten Gedichten wohlbekannt:
Ob sie geschehn? das ist hier nicht zu fragen;
Die Perle jeder Fabel ist der Sinn.
Also feiern wir den ersten August, mit Rütlischwur und Tellenschuß, wofür ja auch wir alten Achtundsechziger, seit nicht mehr alles läuft wie zuvor, wieder zu haben sind.
Allerdings sieht es zuweilen etwas anders aus. Beispielsweise in der Stadt Basel, welche sich viele Nordlichter völlig zu Unrecht als reinen Chemiemoloch vorstellen, den sie bei ihrer Urlaubsreise nach Italien möglichst schnell passieren wollen. Dabei dreht sich in Basel, seit die Stadt nicht mehr weiter wachsen kann und den Wettstreit mit Zürich aufgegeben hat, alles um die Festkultur. Wie die Basler die großen Politfeste des 19. Jahrhunderts in die Pontonier-, Fußball- und Quartierhappenings der Gegenwart hinübergerettet haben (während die verbleibende Zeit für die Fastnachtsvorbereitungen draufgeht), so haben sie’s auch geschafft, den Nationalfeiertag als Spektakel überleben zu lassen, das nicht an seinen Ursprung, sondern an das jeweils vorangegangene Spektakel erinnert und übrigens stets am Vorabend des gesetzlich verordneten Datums veranstaltet wird. Da die Basler nicht nur Festbrüder, sondern auch Pyromanen und Rheinschwimmer sind, besteht der Höhepunkt der Feierlichkeit in einem gewaltigen Feuerwerk mitten auf dem Rhein, dem die staunenden Massen auf Brücke links und Brücke rechts begeistert applaudieren. Um den Applaus nicht über Jahre des Wiederholens hinweg abflauen zu lassen, wird vorgeheizt, und zwar von Mal zu Mal tüchtiger, so daß man inzwischen nicht mehr festzustellen vermag, wo das Vorheizen aufhört und das Heizen beginnt. Schon das Fallschirmspringen und das Wassertreten, das Alphorntrio und die Dixieband werden von Feuerwerken umrahmt, während zweihundertfünfzehn Meter rheinaufwärts der Basler Fischerverein (oder wer auch immer), zum Zeichen, daß er auch noch da ist, seine Knall- und Wunderbomben zum Himmel schießt. Der Haupt- und Staatsfeuerwerker selbst scheint darüber seinen Kopf verloren zu haben und nicht mehr zu wissen, wo er aufhören und wann und wo noch eins hinterher jagen soll, was aber nicht weiter schlimm ist, da sowieso alle in unverwüstlicher Feststimmung sind und sich die Rauchwolken wie fastnächtlichen Konfettiregen auf die Köpfe niedersenken lassen.
Unterdessen und insgeheim hat sich der vergessene Schütze Tell vom Sponti zum Strategen durchgearbeitet und sich im Gast- und Exportgewerbe niedergelassen. Während er (Strategie Nummer 1) landauf landab, in Kleinlützel, in Ostermundingen, in Gisikon, in Bützberg, Wattenwil und in fünfzig andern Ortschaften die Gasthäuser und die Speisekarten (vom Tellfondu bis zum Tellsorbet) besetzte, hat er (Strategie Nummer 2) eine Privatarmee von 1500 Unternehmern um sich geschart, die Swiss Label Army, die sich mit der Armbrust (Tells Helden- und Gütesiegel) durch den Dschungel der Weltmärkte schlägt und dort die Schweizer Produkte und Dienstleistungen durchboxt. Im Inland verteidigen – im Ausland schlagen, das ist die Tell-Devise (der übrigens schon die alten Söldner folgten). Auch die Helvetia, die mächtigste aller Schweizer Frauen, hat sich Tells Devise, auf ihre Weise, schon auf das Schild geschrieben: In Euros kassieren, in Franken abrechnen. Das überzeugt, und damit läßt sich leben.
Es sind die Visionen, die die Tat beflügeln. Doch was wären sie ohne ihre stilleren Begleiter: die ewigen Bilder der Seele? Nicht in der Innerschweiz, der Wiege der Freiheit, sondern ganz am östlichen Rand, fast schon im habsburgischen Österreich, ist unser Heidi (das Heidi!) aufgewachsen; zu Zeiten zwar, als die Habsburger längst geschlagen, die Eidgenossen ihre Untertanen freigelassen und sich ihres neuen demokratischen Staates versichert hatten. Johanna Spyri, die Stadtschreibersgattin aus Zürich, hat den Maienfeldern und damit den Bündnern und damit der Schweiz überhaupt, aber auch den Deutschen, den Amerikanern und den Japanern, kurz: der ganzen Welt ihr Heidi geschenkt – Heidi, das Waisenkind, das auf die Alp zu Maienfeld gebracht wird, wo es dem menschenfeindlichen Alm-Öhi in wunderlichster Eigenheit die Menschenliebe beibringt, daß ihm und uns die Tränen kommen und wir nicht mehr wissen, ob wir nun für oder gegen den Heimatkitsch sind. Heidis Wanderjahre: in Frankfurt, wo die Häuser aus Stein gebaut sind und so nahe aneinanderstehen, daß man den Himmel nicht sieht, und wo die Leute so gebildet reden, daß man das Gras nicht mehr wachsen hört. In Frankfurt wird Heidi, wie alle Schweizer vor und nach ihr, von Heimweh befallen, und schließlich mondsüchtig, so daß sie zurück nach Hause gebracht werden muß, wo wir alle zusammen mit ihr erleichtert aufatmen. Doch hat Heidi bei den gelehrten Frankfurtern das Alphabet gelernt, und damit ausgerüstet versüßt sie Geißenpeters Großmutter die Lebenstage, indem sie ihr aus dem einzigen Buch, das sich verstaubt im Hause findet, immer wieder die tröstlichen Verse vorliest:
Kreuz und Elende –
Das nimmt ein Ende …
Heidi, das ist – wie altmodisch und verstaubt auch immer – das Buch mit den Bildern der Seele. Und da sich solche besser vermarkten als pflegen lassen, hat man auch Heidis Haus und Alm-Öhis Alphütte und den Brunnen, mit dessen Wasser sie sich ihre Backen rot ribbelte, ausgemacht und alles sofort patentieren lassen, als
Heidi’s House. The Original.
Dazu kommen im Heididorf die Basecaps und die T-shirts (handmade), Geißenglocken, Bastelbogen, Heidi- und Geißenpeter-Puppen und Videos in drei Landessprachen (und in Englisch natürlich). Heidi-Karten können mit dem Heididorf-Sonderstempel abgestempelt und an alle Lieben der Welt versendet werden, sofern man nicht einfach zu Hause bleiben und Heidi’s eC@rd („Wählen Sie ein Bild aus! Schreiben Sie dann den Text! Und ab die Post!“) am Computer verschicken will. All dies zustandegebracht hat die Heidi-Stiftung, die sich die weltweite Bekanntmachung und Verbreitung der Heidi-Geschichte sowie die Erhaltung und Förderung von deren authentischen Stätten auf die Fahne geschrieben hat.
Der Ort des Geschehens ist Maienfeld in der sogenannten Bündner Herrschaft rechts des Rheins, wo auch der beliebte Beerliwein wächst. Im Dorf selber ist wenig von dem Soft-Tourismus zu bemerken. Man braucht aber den Fuß nur über den Rhein zu setzen, der hier nicht die Nationen, sondern die Kantone trennt, und findet sich dann – im Heidiland, wo die Sache härter angepackt wird. Das Heidiland beginnt dort, wo das Heididorf aufhört. Es gehört durchaus nicht zur Bündner Herrschaft, sondern zum Kanton St. Gallen und erstreckt sich von Bad Ragaz über Sargans bis zum Walensee: ein zollfreies Durchgangsgebiet für die in die Bündner Berge fahrenden Touristen. Historisch: ein ehemaliges Untertanengebiet der acht alten eidgenössischen Stände, bis es durch Napoleons Gnaden befreit und 1803 dem künstlich geschaffenen Kanton St. Gallen zugeschlagen wurde. Wider Willen natürlich, denn wer mag schon ein so zusammengewürfeltes Gebilde, dessen Hauptstadt in der nördlichen Ecke sitzt, während sich mittendrin wie ein Eidotter, aber in der Form eines gebratenen Pouletschenkels, der Kanton Appenzell breitmacht. Der Widerstand gegen die Annexion war vergebens; Johann Baptist Ludwig Gallati, der Gemeindeamman von Sargans, der ihn organisierte, war kein Wilhelm Tell. Das Sarganserland wurde durch miteidgenössische Truppen besetzt und durch die Regierung St. Gallens zur Bezahlung von 25122 Gulden verurteilt. Es erscheint daher wie eine späte Rebellion, wenn sich die südlichen St. Galler Rand- und Restbezirke, ganz nach dem Vorbild der alten Urkantone, zu einem Sonderbund zusammengeschlossen und ihr eigenes touristisches Land gegründet haben: das Heidiland eben.
Nicht daß Heidi hier irgendwo gelebt und gewirkt hätte. Doch Heidi ist überall und also auch im Heidiland, wenn man’s nur entschieden genug verkündet und die Durchziehenden dadurch zum Verweilen bringen kann. Zuerst muß der Name geschützt, dann die Argumentation bereitgestellt und die Überzeugungsarbeit geleistet werden, später können Tatsachen genügen. Die Argumentation: Der Heidipfad oberhalb des st. gallischen Bad Ragaz zum Beispiel heißt zurecht Heidipfad, weil er den direkten Blick auf alle einschlägigen Heidi-Orte am jenseitigen Bündnerhang gewährt. Die Überzeugungsarbeit: Im Eichenstübli auf der Alp Habergschwänd zum Beispiel erleben Sie die Heidigeschichte hautnah, die Heidispeisen wie Ziegenwurst und Eiertätsch werden Sie vor ungeahnte Genüsse stellen, und in Heidis Heubett werden Sie so gut schlafen, daß Sie das Heidifrühstück mit frischer Lust genießen können. Die geschaffenen Tatsachen: Heidiland Water Limited zum Beispiel, quellgefaßt bei Mels, mit Investoren aus Saudi Arabien, dank deren Hilfe es möglich war, die dürstenden Japaner auszuschalten – dieses Wasser (nicht zu verwechseln, mit dem älteren Original Heidiwasser, das in Appenzell Innerrhoden gewonnen wurde und jetzt dort, von Heidilands Aufschwung mitprofitierend, neu lanciert werden soll) – dieses Wasser also hat seinen lukrativen Gang um die Welt angetreten, während auf der Openair-Bühne in Walenstadt das brandneue Heidi-Musical, frei nach und mit Johanna Spyri, uraufgeführt wird. Der Rest ist Weiteressen, Wandern, Biken und Surfen und läuft am Ende auch ohne Heidi ab, weil alle froh sind, für eine Weile von ihm befreit zu sein. Eine traurige Geschichte, die das kleine, heitere Mädchen wahrhaftig nicht verdient hat.
Der Nachtrag zur Kleinen Schweizerkunde wäre hier zu Ende, wenn nicht noch eine ebenso bemerkenswerte als überflüssige Fußnote anzumerken bliebe:
Eine im 19. Jahrhundert gegründete Schweizer Kolonie, New Glarus („Wisconsin’s Little Switzerland“), feiert seit 36 Jahren jeden Juni und völlig neid- und konkurrenzlos ihr 3tägiges Heidi-Festival, „with a craft and art fair, folk dancing, polka music, yodeling, flag-throwing, and performances of Johanna Spyri's classic“. Was will man mehr? Vielleicht einzig noch den Wilhelm Tell. Doch auch dafür ist durch diesen patriotischsten aller Schweizer Vorposten gesorgt: „Local actors, both human and animal, have performed the colorful Wilhelm Tell drama annually since 1938“.
[1] Vgl. Kleine Schweizerkunde. In: Stardust, Frankfurt 2003, S. 107-134.