Mittwoch, 8. September 1982

Eine Stadt fast ohne Restaurants. Die Gaststätten, wo man am Tisch bedient wird, muss man mit der Lupe suchen. Endlich ein Grillrestaurant! Hohe Preise und kleine Portionen, die nicht satt machen.

Keine Gaststätten, aber junge Schmusende in allen Ecken und dunkleren Parkstellen, fast so viele wie Vopos, gegen die sich die Schmuserei, ohne merkbare Auflehnung, zu richten scheint.

Buchläden.Frisch und Dürrenmatt sind gefragt, sofort vergriffen. Für M 60.- Zwei Bücher gekauft. Die Verkäuferin errötet, als ich mit DDR-Mark bezahle.

Die Kolossbauten. Touristen, fast nur Touristen, die was-denn-bloß besichtigen? Zum xten Mal laufe ich das gleiche Pflaster ab und bin nicht imstande, etwas wahrzunehmen, was ich nicht schon kenne.

Die Bibliothek ist fast ausgestorben. Keine wahrnehmbaren Geräusche. Kaum jemand geht die Riesentreppe zur ersten Etage hoch, meist wird diskret ein Seitenaufgang gewählt. Jedes Passieren der Eingangskontrolle erfordert das Vorzeigen des Ausweises, obwohl mich die Pförtner, die Garderobière usw. längst kennen. Auch jedes mitgetragene Buch muss per Schein ausgewiesen werden. In der Handschriftenabteilung, wo ich fast als einziger Besucher verkehre, ist jedesmal die Passierkarte abzugeben. Sie wird von der Direktorin eigenhändig in Empfang genommen und für die Länge des Besuchs deponiert. Werden hier überhaupt Bücher ausgeliehen? Wer wagt sich denn bis in die Verwinkelungen vor, wo sich die Ausleihe befindet? – Heute gelingt es mir, gegen Sofortbezahlung sechs Xeroxkopien zu erhalten, von Frau Dr. Winter persönlich abgelichtet. Frau Dr. Winter ist eine strenge Person. Mit ernster Miene hat sie mir einen Platz inmitten der leeren Plätze zugewiesen, mit dem Hinweis (Stolz oder Tadel?), dass schon Christa Wolf auf diesem meinem Platz gesessen und die gleichen Günderrode-Handschriften studiert hätte.

Dagegen ist meine Betreuerin (ich habe eine extra Betreuerin, die Kolasa vom ersten Telefonkontakt, die für mein Gesamtwohl zuständig ist) von wunderbarer Liebenswertigkeit und bemüht sich, mir die Stadt, die Bibliothek und die Unterkunft schmackhaft zu machen.

Die Unterkunft im Plattenbau. Eine Katastrophe. 'Gefangenes' Zimmer mit Glastür, nur durch die Wohnstube erreichbar, in der die Familie (der ich als ein Westler aufgebrummt worden bin) haust. Unfreundliche Frauen (Mutter, Großmitter. Tante?) mit rotzig-frechem Jungen. Boxer-Diplome an den Wänden. Die Badewanne ist mit Äpfeln belegt, so dass in dem engen Toilettenraum nur eine kleine Spüle zur Körperreinigung übrigbleibt. Der Mann meiner Betreuerin, ein strammer Kommunist, hat mich am ersten Tag mit der Straßenbahn hinbegleitet und es sich nicht nehmen lassen, dienstbeflissen meinen Koffer zu tragen und dabei von der eben absolvierten Schulung in Moskau zu schwärmen.

Donnerstag, 9. September 1982

Mittagessen mit Frau Kolasa. Schlangestehen vor dem halbleeren Restaurant. Warten, bis man einzeln eingewiesen wird. Die liebenswürdige Betreuerin lässt es sich nicht nehmen, mich einzuladen (Stolz: Wir haben, was wir brauchen), obwohl sie angesichts der Geldsumme, die ich erhalten habe und hier gar nicht aufbrauchen kann, neidisch werden müsste. Sie spart monatelang für die Schuhe, die sie sich sofort kaufen will, wenn sie im Intershop erhältlich sein werden.

Abschied in der Bibliothek. Frau Dr. Winter, kein Muskel zur Entspannung bereit, entlässt mich doch noch mit dem Wunsch einer guten Heimreise. In höchster Zeitnot habe ich meine Arbeit abgeschlossen. Unvorstellbar, eine halbe Stunde überziehen zu dürfen. Fünf Minuten vor Schluss ist Schluss!

Abendessen im Operncafé. Mixed Grill. Es gibt nur aufgegossenen Kaffee, wie der Kellner bedauernd warnt. Ich nehme also, ausnahmsweise, einen Martini-Cocktail. Und vielleicht noch einen. Nur, um das Nachhause-Gehen hinauszögern.

Ich freue mich nun doch auf die Rückkehr ins stressige Westberlin.

Freitag, 10. September 1982

S-Bahn-Tarif Friedrichstraße bis Bahnhof Zoo: 1.80 Ostmark (sonst M -.20). Eine Ansichtskarte in die Schweiz ist mit M -.25 zu frankieren. Mein Geld ist immer noch nicht aufgebraucht. Spende in eines der überall aufgestellten Spendengefäße mit der Aufschrift "Solidarität".

Bahnhof Zoo. Einige Schritte auf dem Kudamm. Ich bin schockiert von dem hektischen Treiben, all den Aushängen und dem überbordenden Verkehr.

10:50. Im Zug Richtung Westdeutschland. Ich bin erleichtert, dass es eine BRD-Bahn ist, mit bequemen Abteilen und Speisewagen.

Grenzübergang Griebnitzsee. Der Zug fährt durch eine Mauernschneise. Der Bahnhof dient nur der Grenzkontrolle. Einige Bahnarbeiter, Vopos mit Hund. – Gespensterdorf Babelsberg, wo der Zug durchfährt. Später schöne Landschaft: Wald, Seen, Felder, Äcker. Als Bahnarbeiter häufig Frauen.

17:30. Bahn ab mit 50minütiger Verspätung, vollgestopft, Stehplatz bis Göttingen, wo ich angeekelt aussteige und einen Zug überspringe. 20:15 Zuflucht im Speisewagen, durchfroren von der viel zu kalten Klimaanlage. Ständige Gefahr, vom überforderten Personal angeschnauzt zu werden. Ich sehne mich zurück nach dem ruhigen Schlangestehen.

23:00. Badischer Bahnhof. Der Bus-Chauffeur fährt mir, obwohl er mich kommen sieht, vor der Nase davon.