Aufsätze

Tattoo-Tattaa!

Basel ist eine Stadt, was niemand ernsthaft bestreitet. Nicht die grösste Stadt, was niemand
behauptet, aber immerhin eine stattliche Stadt. Eine Kleinstadt vielleicht, aber eine kleine Weltstadt
gewiss. Kulturhauptstadt der Schweiz, als die sie sich selbst bezeichnet und wie man in jedem guten
Touristenführer nachlesen kann. Basel hat seinen Paracelsus, Jacob Burckhardt, ein bisschen
Nietzsche, den Roger Federer, vier Nobelpreisträger für Medizin, die Life Sciences und das
Intelligenzzentrum des Novartis Campus. Basel hat seine Uhren- und Schmuckmesse, den FCB, den
Morgestraich, Herzog & Demeuron und die ART. Außerdem hatte Basel seine BAZ und hat noch
immer sein TATTOO.

Für Unbetroffene, die es noch nicht wissen: Das TATTOO ist hier, in Basel, keine private
Hautstichelei, sondern ein Militär- oder Marschier-Musikfestival mit Dudelsack, Pauken und
Trompeten. Bereits das neunte Spektakel ist diesen Sommer im Kleinbasler Kasernenareal über die
Bühne gegangen, und ein Ende ist nicht abzusehen. Es leben die Superlative: Das TATTOO ist das
„weltweit zweitgrösste Openair seiner Art“ und leistet sich die „besten Repräsentationsorchester aus
aller Welt“. Das soll mal jemand nachmachen, Edinburgh natürlich ausgenommen, das den
weltersten Platz einnimmt! Tausend Mitwirkende, 120‘000 Besucherinnen und Besucher, eine
Kasernenkulisse, wie’s im Bilderbuch steht, und eine eigens für den Anlass umbenannte
Eventmeile, die TATTOO STREET (ehemals Kasernenstrasse), mit Bratwurst-, Raclette- und
Fondueständen. Die Beizen, Cafés, Laden- und Rotlicht-Betreiber freuen sich. Verständlich.
Anwohner zur Linken, zur Rechten, davor und dahinter ärgern sich. Ebenfalls verständlich. Auf
neun Tage Gratisblasen und Fondue-Wurscht-Geruch vor dem Fenster ist keiner erpicht. Wer kann,
verreist: in die Sommerzwangsferien, auf eigene Kosten natürlich. Auch ich werde verreisen. Aber
erst, wenn ich die Hauptprobe bestanden habe. Zuerst will ich sehen, was ich Tag für Tag zu hören
bekäme, wenn ich nicht zu fliehen bereit wäre. Und, zugegeben, die Veranstalter sind grosszügig:
vier Eintrittskarten pro Briefkasten, gratis abzuholen an der Grossbasler Schneidergasse,
vorbehaltlich Verfügbarkeit.

Ich bin kein waschechter Kleinbasler, nicht mal ein Basler, ich brauche weder die Fasnacht noch das
TATTOO. Ich komme vom Land, wo es beides nicht gibt, aber ich lebe hier, Jahrzehnte schon, und
habe zumindest gegen die Fasnacht nichts vorzubringen, deren Notwendigkeit für das Basler
Wohlbefinden ich einsehe. Und das TATTOO? Vor fünfzig und mehr Jahren hätte mich, ohne
Zweifel, die Begeisterung befallen. Ich liebte die Blasmusik. Über alles. In der Stube unseres
Schindelhauses sass ich, ganz dicht vor dem Radio, und horchte auf die Klänge der wöchentlichen
Marschmusik-Sendung von Radio Beromünster. Nichts ging mir über den flotten Rhythmus der
Marschmusik: „Alte Kameraden“, Radetzkymarsch, „Fräulein, hend Sie mis Hündli gseh?“ Mit
allergrösstem Ernst habe ich selber in der Harmoniemusik „Eintracht“ (oder ähnlich) Klarinette
gespielt, auch im Marschschritt an den Umzügen zur Einweihung von Schulhäusern und neuen
Vereinsuniformen teilgenommen. Im wehrbaren Alter bin ich sogar Militärtrompeter (so heissen im
Armeespiel alle ausser den Tambouren) geworden. Ich habe mir die Merksätze des Instruktor-
Adjutanten einverleibt: „Wir sind kein Dilettantenverein, wir sind Berufsmusiker“. Für 17 Wochen
zumindest. Wir lernten „richtig“ musizieren, den Ton durchhalten und ausschwingen lassen:
„Rhythmus ist Wartenkönnen!“ Und wieso taten wir’s? Weil wir froh waren, nicht mit Gewehren
herumrennen und Krieg spielen zu müssen. Unsere Konzerte zur Verbindung von Volk und Armee
waren vielleicht ganz okay. Doch das Gebläse in der „Marsch-Formation“: Haben Sie sich das mal
genau und aus der Nähe angehört? Die Töne, wie sie in alle Himmelsrichtungen zerstieben, das Vorsich-
hin-Tuten jedes Einzelnen, der, auf seine Schritte konzentriert, von den andern nurmehr die
fahrig hergewehten Töne vernimmt? Wissen Sie, dass die Holzbläser ihre Instrumente zu
strapazieren gezwungen sind bis zum Geht-nicht-mehr, damit sie überhaupt gehört werden? Die
Drill-Shows mit ihren Krumm- und Kontermärschen! Schon 1967, zur Zeit meiner
Militärtrompeter-Karriere, wurden sie eingeübt: als neuester Armee-Hit. Ein Jahr später begann es
zu kriseln, sogar in den Kasernen. Wir spielten, weil wir mussten, manchmal mit tückisch
versetztem Rhythmus, um einen stolz vorbei defilierenden Kommandanten ins Stolpern zu bringen.
Zurück zum TATTOO, zur Drill-Show von heute! Sie sind, ein halbes Jahrhundert nachdem sie’s
eingeübt, immer noch dabei, paradieren und defilieren, als ob’s vorgestern wäre. Nur dass jetzt
alles, selbst die Musik, ohne Rücksicht auf Verluste „Show“ ist. Es wird nicht nur marschiert und
kontermarschiert, sondern gehüpft und gehoppst, gesungen, gejodelt, getanzt, gerannt, geklatscht
und mit Gewehren gefuchtelt. Schweizer Trompeter schwingen Taler, die Australian Army Band
spielt Rugby, die Singapore Armed Forces Central Band singt (!) das „Vreneli vom Guggisberg“.
Werdende und gewordene Männern, die mit militärischem Ernst den Hanswurst machen. Und
dazwischen, damit es schön archaisch bleibt, ein Heer vereinigt gellender Dudelsäcke („Massed
Pipes & Drums“).

Und die 120‘000 Zuschauer, die freiwillig gekommen sind und immer wieder kommen? Was
ist es wohl, was ihnen die Gänsehaut beschert, für die sie bis zu 160 Schweizerfranken hinblättern?
Ist es der Drill, sind es die „Ohrwürmer“, die das Programm verspricht? Gegen die Lust am Drill,
sagen die Historiker, ist kein Kraut gewachsen. Was aber die Ohrwürmer anbelangt: Psychologen
empfehlen zur Entwöhnung entspanntes Hören ernsthafter Musik oder das Lösen leichter NZZSudokus.

(Publiziert in: Programmzeitung, Nr. 300, November 2014. Spezialbeilage)