Mittwoch, 1. Mai 2019

Cuvée d' Or. – Nun hab ich also auch noch den Spitteler-Nobelpreis-Jubiläumswein (weiss und rot) genossen und mir danach die ersten zehn oder zwölf Seiten des Olympischen Frühlings nochmals laut und deutlich vorgelesen. Und ich kann, nach einem temporären Zwischenhoch, nicht anders, als erneut meiner Fassungslosigkeit Ausdruck zu verleihen über die verdrechselte Hoprigkeit ganzer Verspassagen, wie man sie keinem Ungefeierten durchgehen liesse. Trivialer und in Spitteler/Tandems Worten ausgedrückt: "Der König aber zog die Stirn in ernste Falten". Ich zitiere, frisch ab Fraktur:

Noch während er das sagte, schwirrt – ein endlos Heer –
Das Ungeflügel schreiend durch die Luft daher:
Wildgänse, Löffler, schmutzige Reigel und Harpyen,
Die ihren bissigen Unrat nach den Göttern spieen.
Dem guten Beispiel kamen Krähen nach und Dohlen,
An Elstern fehlt es nicht, die schimpften unverhohlen.

Ein paar Stunden vor der Inhalation obiger Verse habe ich die Gottfried Keller-Ausstellung im Zürcher Strauhof besucht und mich einmal mehr an der beglückend schnörkellosen Ausdrucksweise Kellers erfreut. Am Märchen zum Beispiel, das Frau Marie Salander ihren Kindern erzählt, wenn der letzte Rappen aus dem Haus ist und nur noch ein Regenbogen zum Beschauen bleibt.