Tagebuch April 2014

Dienstag, 22. April 2014

Literaturclub. Auch dieser Club kann nicht von Heidegger lassen. Weil die Philosophie dazugehöre, wie der eine (Rüdiger Safranski) meint, oder, wie ein anderer (der moderierend-schwärmende Stefan Zweifel) meint: weil Heidegger für die Literatur Wichtiges geleistet habe. Die dritte (Elke Heidenreich) will weder über den Antisemiten Heidegger noch über Philosophie in der Sendung sprechen. Der vierte (Julian Schütte) hält sich so ziemlich zurück.

Mir selbst steigt wieder der Ärger hoch. Vor allem, wenn dann doch (bei zweien) der Kniefall kommt: vor der Wirkungsmächtigkeit dieses Seinspropheten nämlich. Ich bin ja wohl ein gebranntes Kind, gehöre zu denen, die einst wegen Emil Staiger nach Zürich gezogen sind, um von diesem die Heideggerschen Lehren auf die «Grundbegriffe der Poetik» appliziert zu bekommen. Parallel dazu heideggerte Medard Boss, der Erfinder der Daseinsanalyse, im Burghölzli über die Seinsverfassung seiner psychiatrisierten Klienten. Etwas viel auf einmal und Grund zur Nachsicht mit mir, nicht wahr?
 

Mittwoch, 23. April 2014

Gar nichts habe ich gewusst über den Nacktmull. Nun schenkt uns die heutige NZZ die unglaublichsten Geschichten über dieses geniale Tier, das in Kolonien lebt, die Hirngröße und die Geschlechtsorgane dem jeweiligen gesellschaftlichen Status anpasst und Hirn und Sexualität bei einem sozialem Aufstieg innerhalb von wenigen Monaten nachentwickelt. (NZZ-Artikel)

Nachtrag vom 22. Mai 2014:

Zu obigem einschlägigen Thema ist eine zwieschlächtige Abhandlung von Beat Schläpfer erschienen im Handbuch der Ratlosigkeit (Donnerstag, 27. März 2014): «8. Das blinde, nackte Wesen unter Erde». Aufgezeichnet wird dort ein fragmentarisches Gespräch zwischen Hermes Palinder, einem somalischen Nacktmull, und Lady Pazzo, dem Nackteisbohrer aus der Antarktis.
 

Freitag, 25. April 2014

Bücher. — Über Jahrzehnte hinweg haben sich in meiner Wohnung die Bücher angesammelt. Sie bilden den Rückhalt meines Arbeitens. Sie gehören zu meinem ideellen Vermögen. Die Illusion, dass die Bücher dabei auch ihren materiellen Wert bewahren würden, habe ich längst aufgegeben. Dass die Antiquariate wenig Interesse haben, Bücher, die sie verkauften, auch weiterhin anzukaufen, habe ich kapiert. Aber dass sogar die Brockenstuben heute keine der breiten Leserschaft nicht direkt weitervermittelbaren Bücher mehr (geschenkt!) entgegennehmen wollen, ist ein schwer verdauliches Stück.
 

Montag, 28. April 2014

Jacques Derrida – der französische Heidegger. Nur dass hier die heiligen Texte der Exegese nicht von Hölderlin, sondern von Sigmund Freud stammen. In deutscher Übersetzung:

Bedarf es, anders gesagt, eines erstenArchivs, um die ursprüngliche Archivierbarkeit zu denken? Oder eher umgekehrt? Das ist die ganze Frage der Beziehung zwischen dem Ereignis der religösen Offenbarung und einer Offenbarkeit, einer Möglichkeit der Bekundung, das vorherige Denken dessen, was auf die Kunft oder das Kommen eines solchen Ereignisses hin eröffnet.
(Jacques Derrida: Dem Archiv verschrieben. Berlin: Brinkmann + Bose 1997).

Die deutsche Publikation des Textes wird von dem Berliner Außenseiter-Verlag dargeboten als ein wunderschönes und witzig gestaltetes Büchlein, in Inhalt und Form eine Art Brevier fürs philosophische Stundengebet.
 

Mittwoch, 30. April 2014

Jetzt ist auch der Schweizerische Nationalfonds (SNF) dem Digitalterror und der open-access-Euphorie aufgesessen. In Zukunft sollen wissenschaftliche Bücher in Papierform nicht mehr finanziell unterstützt werden. Dagegen wird verlangt, dass alle Arbeiten ins Netz gestellt werden. Davon sind geisteswissenschafliche Werke und Editionen nicht ausgeschlossen. Das ist ein Schlag gegen alle, die das wissenschaftliche Arbeiten, und gar dasjenige am Text, nicht von der Tradition der Buchkultur zu trennen gewillt sind.
Einspruch!